Voraussichtlich heute wird die letzte meiner Benni-Geschichten für den kleinen Band fertig, den ich als Taschenbuch im Self-Publishing herausgeben möchte. Die Überarbeitungsphase, während derer ich in alle Geschichten nochmals intensiv hineingehe – insgesamt sind es 20 geworden! – zieht sich schon länger hin. Das erlebe ich jedoch als stimmig.
Ob es sich um eine Kurzgeschichtensammlung handelt oder um einen kürzeren Entwicklungsroman – für mich ist diese Frage nicht zu beantworten.
Was mich auf jeden Fall sehr glücklich macht: Die vielfältigen Bezüge, die nach und nach zwischen den einzelnen Geschichten entstanden sind, und die ich selbst oft erst nach dem Schreiben der Rohfassung entdeckt habe. Seitdem mir bewusster geworden ist, wie alles zusammenhängt, habe ich mehr Fokus auf den Abschluss. Nachdem ich deutlicher erkannt habe, wie ich an bestimmten Stellen ins Erklären kippe, anstatt zu zeigen und dadurch den Resonanzraum offen zu halten, hat das Überarbeiten mehr Klarheit.
An dieser Stelle füge ich einen Abschnitt aus der letzten Geschichte für Euch ein. Mein Gefühl: Das spoilert nicht zu viel. Der letzte Satz passt heute gut.
Auf der Arbeitsfläche des Mannes lag ein Paar überlange braune Herrenschuhe, daneben eine Ahle. Nicht nur die Ausstattung sprach für sich. Der Geruchsmix von Leder und Klebstoff, vermengt mit einem Hauch von Schweiß, ließ keinen Zweifel zu, welche Arbeiten hier Tag für Tag verrichtet wurden.
Während Benni sprach, bückte sich Henri nach unten. Er öffnete den Reißverschluss an seinem rechten Winterschuh und wartete dann ab. Die hockende Position tat gut, doch bald merkte er an seinen Beinen, wie stark der erste Eindruck noch in ihm nachwirkte. Er setzte sich auf den Holzfußboden. Die Dielen waren abgetreten, aber warm. Es war angenehm, sich mit beiden Handflächen auf ihnen abzustützen. Schwäche. Irgendwie sowas. Nun saß er sicher.
Henri blickte nach vorn. Der Arbeitstisch sah nicht nach einer Ladentheke aus. Die Knöchel des Schuhmachers waren ungewöhnlich dick. Braune Schafwollsocken - die Hosenbeine gaben sie frei. Zu seinen Füßen lag der große Hund auf einem Stückchen Teppich. Benni klang munter. Die Stimme des alten Mannes war sehr tief. Er sagte nur wenig.
Es dauerte eine Weile, bis Benni Henri direkt ansprach: „Wir können morgen wiederkommen. Auch wenn’s ein Samstag ist.“
Benni war aufgestanden. Also zog Henri den Zipper wieder hoch. Über die Knie in den Stand.
Erneut begegneten sich zwei Augenpaare. Es brauchte keine Worte.
Draußen schien die Sonne. Einer der beiden Jungen hatte gesehen, wie sich nachmittägliche Lichtstrahlen im angestaubten Fensterglas der Werkstatt brachen. Der andere bemerkte erst in diesem Moment, dass es unerwartet hell geworden war.
Henri blinzelte und wischte sich über die Augen. „Heut früh war Schule. Wir sind noch gar nicht lange hier. Es kommt mir vor, wie eine Woche.“
Benni lächelte. Er verstand.
Erst gingen sie schweigend, dann sagte er: „Von hier ist es nah. Pass mal auf, gleich siehst du Omas Haus.“
In einem Vorgarten blühte echter Seidelbast. Ein Zitronenfalter umtanzte ihn und ließ sich mehrfach fallen, mitten im Flug, direkt in der Luft. Es war der erste Schmetterling, den Henri in diesem Frühjahr erblickte, denn sein Freund war stehen geblieben. Ihm war nicht entgangen, wie sich der leuchtendgelbe Frühlingsbote vom Landeplatz auf braunen Blättern erhoben hatte, um Nektar aus neuen Blüten zu holen.
Diese Pflanze war für Menschen giftig. Für Hunde auch, Benni wusste das. Seine Großmutter hatte es ihm kürzlich erklärt. Trotzdem war sie wunderschön anzusehen: Ein Stämmchen ohne Blätter – und dieser Tage rundum mit rosa Sternchen geschmückt. Zu Ostern blühte dann noch mehr. Und Ostern kam ja bald.
Credits: Foto von Erik Karits:
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