Lichterketten der Hoffnung - Autorin Karin Lühr - Newsletter Oktober 2025

Lichterketten der Hoffnung - Autorin Karin Lühr - Newsletter Oktober 2025

Lichterketten der Hoffnung

 

Rasch zog Benni den dicken Kapuzenpulli über seinen Schlafanzug, bevor er mit Oma Lene vor die Haustür trat. Das Ablesen der Außentemperatur gehörte zu ihren gemeinsamen Morgenritualen, und auch heute erinnerte der hoch eingeschlagene Nagel, an dem das Thermometer seit jeher hing, an die hohe, stattliche Gestalt des Urgroßvaters. 


„Wir haben über Null“, stellte Benni sachlich fest, während er prüfend zum graubedeckten Novemberhimmel aufschaute, aus dem erste Schneeflocken ihren Weg zur Erde fanden.


Der anstrengende Schulwechsel mit Beginn der 5. Klasse hatte Bennis Bedürfnis nach Rückzug verstärkt. An den Wochenenden besuchte er seine Großmutter auf dem Dorf noch häufiger als zuvor. Seine Familie unterstützte ihn so gut wie sie konnte.


Vergangenen Samstag hatte Benni dabei geholfen, Omas Garten für den Winter vorzubereiten. Sein Vater, der ihn gebracht und unverzüglich draußen mit ihm Hand angelegt hatte, war zufrieden gewesen, wie schnell sie die Aktion zu dritt beenden konnten. Nur Harke und Korb würde Benni noch einmal benötigen, sobald weitere Herbststürme das restliche Laub von den Bäumen holten.


Als Papa sich verabschiedet hatte, war Benni mit Oma zum Friedhof gelaufen. In diesem Jahr fiel der 1. November, der die Reihe der stillen Gedenktage dieses Kalendermonats eröffnet, aufs Wochenende, und Benni hatte den Wunsch geäußert, an den Ruhestätten seiner Vorfahren eigenhändig die neuen Grablichter zu entzünden.


Seitdem war eine Woche vergangen – und die Ölkerzen, die Oma gern verwendete, brannten normalerweise nicht länger als vier Tage. Im Vergleich zu Teelichtern war diese Brenndauer relativ lang, aber danach mussten auch sie gewechselt werden.


Weil Benni wusste, dass diese Tradition im November und Dezember ihre besondere Bedeutung hatte, machte er sich heute Vormittag erneut mit Oma auf den Weg. Auf dem Hinweg ergab sich das Gespräch von selbst. Mit Oma Lene konnte Benni über Sterben, Tod und Trauer reden, ohne dass es bedrückend wurde. Jede Art von dumpfer Traurigkeit, die den Rest des Tages unter ihrer Schwere begrub, verflog in Omas Gegenwart in Windeseile. Alle Dinge gewannen ihre Leichtigkeit zurück.


Lichterketten der Hoffnung - Autorin Karin Lühr

Auf dem Friedhof angekommen, blieben die beiden zunächst ein Weilchen stehen. Schweigend schauten sie auf Menschen, die Gräber pflegten, Lichter in Laternen setzten und still vor jenen Gedenksteinen oder Stelen verweilten, die die Namen ihrer Liebsten trugen. 


Jedes einzelne Symbol des Glaubens und der liebevollen Erinnerung, welches die zunehmende Dunkelheit mit seinem Schein erhellte, verband sich mit all den anderen Lichtern zu leuchtenden Ketten. Direkt über dem Erdreich wurden diese Kerzen der Hoffnung zum sichtbaren Ausdruck des Zusammenhalts im Dorf. Zunächst brachte die andachtsvolle Pflege dieses alten Brauches sehr persönliche Gefühle zum Ausdruck. Gleichzeitig trug diese Friedensgeste dazu bei, die Gemeinschaft stark und lebendig zu erhalten.


„All die Flämmchen, die wir hier sehen, erinnern uns an das eine Licht des Lebens, das niemals erlischt.“


Benni merkte Omas Worten an, dass sie beim Anblick dieser brennenden Kerzen von etwas Höherem ergriffen war, und dieser Geist übertrug sich auf ihn. 


Wenig später geschah ganz Ähnliches: Oma entdeckte die magischen Blütenfarben einiger Herbstasternstauden und geriet dermaßen ins Staunen, dass sie nicht allein Benni, sondern zugleich die entferntere Verwandte aus dem Nachbarort damit ansteckte, deren Weg den ihren zufällig gekreuzt hatte. Die kurze Begegnung verwandelte das Aussehen dieser zuvor gebeugten Frau, und ihr Schritt wurde beschwingt.


Auch die hier und da verstreuten Farbtupfer anderer Spätblüher, welche alle aufgetretenen Wetterereignisse gut überstanden hatten, zogen Oma Lenes Aufmerksamkeit magnetisch an. Die Freude, die Oma angesichts der Wunder des Pflanzenreichs erfüllte, teilte sie hier auf dem Friedhof in genau derselben Art, wie in jenen Stunden, die sie mit Benni im eigenen Garten oder in der Feldmark verbrachte.


Während Benni mit Großmutter durch die Reihen ging und mal nach rechts und mal nach links schaute, zerrieb er ein echtes Prachtexemplar von Salbeiblatt, das zu seiner Überraschung mitten auf dem Weg gelegen hatte, zwischen seinen Fingern. Oma bestätigte ihm, dass der Duft nicht nur an die bekannte Sorte Kräutertee, sondern auch an ein gemeinsames Räuchern in einer längst vergangenen Rauhnacht erinnerte. 


„So lange wird ein Duft gespeichert?“ Benni begann, sich für das, was er eben herausgefunden hatte, zu begeistern. „Ein Dufthauch versetzt mich zurück in die vergangene Zeit?“


„Ein Duft verankert sich sehr tief.“ 


Als sie ihrem Enkel Antwort gab, ahnte die Großmutter bereits: Später würden sie auf dem Dachboden nachschauen müssen, ob der Trocknungsprozess der diesjährigen Salbeiernte gut voranschreitet.


Nachdem er zusammen mit Oma dekorative Samenstände bewundert hatte, die die letzten rosafarbenen Blüten der Japan-Anemonen umgaben, bemerkte Benni ein aufgeplustertes Rotkehlchen. Es saß auf dem Rand einer leeren Vase mit Erdspieß, in der die Niederschläge einen kleinen Tümpel hinterlassen hatten. 


Dem Jungen gelang es, seine Großmutter darauf aufmerksam zu machen, ohne dass der einzigartig gefärbte Federball erschrocken davonflog. Mit leicht schräg gelegtem Köpfchen schaute der scheue Vogel aus großen, braunen Augen auf die Gäste in seinem Revier. Dann hüpfte er auf den Boden und verschwand unter einem Busch. 


Benni und Oma Lene gingen weiter, doch der Eindruck wirkte noch nach. 


„Robins appear when loved ones are near.” In Omas verhaltener Stimme lag Dankbarkeit. 


Als Benni ihre Hand nahm, waren ihre Finger warm. Für einen kurzen Moment drückte sie die seinen. Es war ein stilles Zeichen, dass sie einander verstanden, ohne etwas sagen zu müssen.


Sobald sie die schlichte Familiengrabstätte erreichten, holte Benni die mitgebrachten Lichter aus seinem Rucksack hervor. Er stellte sie auf den Boden und hockte sich daneben. Oma bückte sich ins Beet, um dort ein paar verwelkte Blätter aufzulesen. Ihr Zuschauen würde Benni jetzt nur irritieren. 


„Oma, das geht nicht. Deine Streichhölzer sind feucht geworden an der Luft.“ 


Bennis Stimme ließ die Großmutter aufblicken. Sie sah, wie sorgfältig Benni die drei Dochte aufgerichtet hatte. Daran konnte es nicht liegen. Zum Glück befand sich noch ein Feuerzeug in ihrer Tasche. Sie reichte es ihrem Enkel, schlug vor, die Leuchten gleich in die schlichten Laternen hineinzustellen, und verfolgte dann den weiteren Verlauf, bis alle Kerzen stetig brannten.


Ein paar gemeinsame Handgriffe, ein stiller Blick zum Licht – und dann erzählte Oma wieder. Das, was sie letzten Samstag hier an der Grabstelle begonnen hatte, wurde heute fortgesetzt: Sie erfand eine neue Geschichte der Hoffnung. Allerdings hörte Benni nicht mehr als den Anfang davon, denn auf dem Heimweg war er an der Reihe. Er spann den kurzen Faden weiter – und schon waren sie daheim.


Ehe Oma Lene die Haustür öffnen konnte, schlug Benni ihr vor, gegen Abend noch einmal nach den Lichtern zu sehen, doch die Großmutter wollte das nicht versprechen. 


„Wir lassen den Abend herankommen“, erwiderte sie mit einem Lächeln und drehte behutsam den Schlüssel im Schloss.


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Karin Lühr| Autorin | Am Mühlenbach 5 | 38667 Bad Harzburg

Tel. 05322 559414 | info@karin-luehr.de | www.karin-luehr.de



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