Zeichen und Spuren lesen: Wie Buchstaben zuerst – und schließlich wie vollständige Sätze. Falls es über Begrifflichkeiten nicht hinausreichte, wäre es nichts als ein nichtiges Gedankenspiel. Lesen – folgen – ankommen: Ist das die zielführende Trias?
Eine Spur muss zuerst aufgespürt und dann richtig gedeutet werden.
„Spur“ und „Spüren“: Ob die beiden Worte eine gemeinsame sprachliche Wurzel haben? Vermutlich.
Die Internetsuche bietet Umfassendes an:
„Etymologie
Spur · spurlos · Spurweite · großspurig · spuren · spüren · spürbar · Spürhund · Spürsinn
Spur f. ‘(Fuß)abdruck, hinterlassenes Zeichen, Fährte’, ahd. spor n. ‘Fußspur’ (8. Jh.), mhd. spor, spur, spür f. n. ‘Fährte, Spur’, mnd. spōr n., mnl. spōr(e) n., nl. spoor, aengl. anord. spor n., schwed. spår (germ. *spora n. ‘Fußabdruck’) sind abgeleitet im Sinne von ‘Tritt’ von germ. *spurnan ‘treten’ (s. Sporn) und gehören zur Wurzel ie. *sp(h)er(ə)- ‘zucken, mit dem Fuße wegstoßen, zappeln, schnellen’. Das zunächst neutrales Genus aufweisende germ. *spura- entwickelt im Mhd. feminin gebrauchte Formen, die sich im 16. Jh. durchsetzen. Spur bedeutet als altes Jagdwort ‘durch Tritt mit dem Fuß hinterlassener Abdruck’ (auf einer Unterlage, im Boden), übertragen das ‘hinterlassene Zeichen’, vgl. keine Spur ‘kein Zeichen’ (z. B. keine Spur von Mitleid), nicht die geringste Spur ‘nicht das geringste Merkmal, nicht der geringste Anhaltspunkt’ (alle 18. Jh.). – spurlos Adv. ‘ohne jeden Anhaltspunkt, Nachweis’ (18. Jh.). Spurweite f. ‘Schienenabstand’ bei der Eisenbahn (19. Jh.). großspurig Adj. ‘aufgeblasen, angeberisch’ (19. Jh.). spuren Vb. (von Wagen) ‘eine Spur halten’, übertragen ‘sich einordnen, nicht abweichen, gehorchen’ (19. Jh.). spüren Vb. jägersprachlich ‘die Spur suchen, ihr folgen’, übertragen (13. Jh.) ‘wahrnehmen, merken’, (17. Jh.) ‘empfinden, fühlen’, ahd. spurien, spurren ‘der Spur des Wildes nachgehen’ (8. Jh.), mhd. spürn, auch ‘etw. aufsuchen, wahrnehmen’, mnl. spōren, spueren ‘nachspüren, forschen, untersuchen’, nl. speuren, aengl. spyrian ‘eine Spur machen, verfolgen, reisen, nachforschen’, anord. spyrja, schwed. spörja ‘fragen, hören, erfahren’ (germ. *spurjan). spürbar Adj. ‘fühlbar, merklich’ (18. Jh.). Spürhund m. ‘Jagdhund für das Aufspüren der Fährte des Wildes’, ahd. spurihunt (11. Jh.), mhd. spürhunt. Spürsinn m. ‘Fähigkeit zur Fährtensuche’ (beim Jagdhund), ‘feines, untrügliches Gefühl, etw. zu finden’ (18. Jh.).“2
Ich möchte nicht nur wissen, will nicht nur eine Information ‚haben‘, sondern in diesem Moment mich sprachlich auf die Suche begeben: Spuren suchen und Bedeutungen spüren; die Aussagekraft der Worte wirklich erleben.
Aus einer Bedeutungsübersicht für „Spur“, die ich online finde3, greife ich als Anteil von 1. e) (dem übertragenen Wortsinn) heraus:
„Reihe von Anzeichen, Merkmalen, die […] zur Entdeckung von etw. Verborgenem führt“
Diese Definition könnte nahelegen: Eine Spur, die ich aufgefunden habe, führt mich dem Gesuchten/der mir noch nicht bewussten Lösung näher, indem ich ihr folge.
Vielleicht hat mich etwas – inmitten der völlig unübersehbaren Vielfalt – auf genau diese Spur gebracht. Vordergründig betrachtet: etwas oder jemand ‚anderes‘.
Meine Spurensuche hat sich nur dadurch erheblich verkürzt, weil ich selbst gespürt habe: Genau diese fortlaufende Zeichenreihe, auf die ich entlang eines Weges hingewiesen wurde oder die ich forschend unter dem guten Stern der Anleitung entdecken durfte, ist es, die mich weiterbringt. Dem, wofür mir der Zufall oder das gnädige Schicksal oder ein Scout den entscheidenden Sinn geöffnet hat, will ich von diesem Punkt aus ganz gezielt für eine Weile nachgehen. Ich habe eine Wahl getroffen - womöglich aus einem relativ unspezifischen intuitiven Vertrauen heraus.
Mein Lesen fängt nicht an mit dem Verständnis der Bedeutung einer Spur, sondern mit dem Öffnen des Gewahrseins – ob draußen in der Natur oder drinnen im Haus: Offenheit für die ‚Worte‘, die in einem ‚Text‘-Zusammenhang mit seinem je einzigartigen Gefüge als Informationsträger eingezeichnet wurden.
Wieder in die Wahrnehmung zu kommen, als ‚unbeschriebenes Blatt‘ leer und rezeptiv zu bleiben, holt mich sofort zurück ins Jetzt. Die Stille zeigt sich.
Das Wahrnehmen wahrzunehmen, lässt stets unmittelbare Gegenwart erfahren: einfaches stetiges Da-Sein. Alles ist (schon) gut.
Aber dann kommt häufig das alte „Aber“ – und es könnte sich folgendermaßen anhören:
Im Buch der Natur so zu lesen, wie die Indianer dazu befähigt waren: Dies würde einen längeren Ausbildungsgang bedeuten, denn dem ungeübten Auge blieben die wesentlichen Informationen unsichtbar. Die Sinne bräuchten mehr Schulung. Ein Achtsamkeitstraining plus umfangreiches Bestimmungslexikon wäre notwendig, ein duales Studium der Kopfschmerzwissenschaft sozusagen – all das würde der Verstand gerne behaupten. Er beharrt (ich höre ihn aus dem Zeugenstand): Es gibt einen Weg zum Buch, es gibt jene scheinbar wichtige Reise, die ich für den zukünftigen Leser unternehme. Ich höre ihn, aber glaube ihm nicht mehr :-)
In einer Art natürlicher, friedlicher Rebellion, hier und jetzt deutlich vernehmbar, fragt etwas in mir nach der Abkürzung. Schreibend suche ich nach ihr in der Unmenge der informativen Eindrücke. Erdrückt vom Überangebot an ‚Schuhen‘ entkomme ich durchs ‚Barfußgehen‘ …
Trotzdem hört der Verstand nicht auf, seine Einwände vorzubringen, bis ich (auch schreibend) meine Aufmerksamkeit entziehe. Das Geschriebene lesend, komme ich ihm dann häufig erneut auf die Spur. Die Umwendung wiederum erzählend, erschaffe ich weitere Distanz. Besser gesagt: realisiere ich diese voller Dankbarkeit. Aus Spurenlesen wird ein Fährtenlegen.
Du bist frei, an dieser Spurensuche aktiv teilzunehmen; nicht nur beim Lesen eine Meile in fremden Mokassins zu gehen4, sondern selber mit deinen bloßen Füßen auf der Erde zu entdecken: Ja – es gibt sie tatsächlich: die Abkürzungsgelegenheit. Das Herz spürt den weglosen Weg.
Das Lesen im eigenen kleinen ‚Buch‘ des gelebten (Autoren-) Lebens ist nicht schwierig, denn genau die Schwierigkeiten, auf die ich wiederholt stoße, sind Hinweise und Spuren. Sie werfen z. B. solcherart Fragen auf:
Warum ist es mir selber noch nie gelungen, ein eigenes Kopfschmerztagebuch zu führen? Warum lese ich seit Projektbeginn selten und eher punktuell in mir zur Verfügung stehenden (Fach-) Büchern? Warum recherchiere ich nur unsystematisch zu meinem Sachbuchthema „Migränekopfschmerz“?
Anmerkung zu Letzterem: Dabei bin ich allerdings einer solchen Materialfülle begegnet, dass das Fazit durchaus naheliegt, es gäbe schon alles. (Wie schon gesagt.) Was könnte dem also noch hinzugefügt werden, was nicht redundant wäre?
In der Auseinandersetzung mit dieser Frage kam die rettende Idee, hauptsächlich (von etwas kreativem Text ‚umbaut‘) einige Fährten zu meiner favorisierten Auswahl an informativen bzw. inspirierenden Ursprungsquellen zu legen. Zu sagen: Leute, schaut am besten direkt bei meinen Favoriten; hier sind die Links, die aus meiner Perspektive die meiste Beachtung verdienen – ich bin überzeugt, ihr profitiert am meisten vom Original!