Wie schon gesagt, hatte ich ungeplant losgelegt; der zunächst formlose Stoff bekam im Sommer etwas ‚Textur‘ und begann, sich allmählich zu entfalten. Eine erste Version war entstanden und es gab daraufhin einige Rückmeldungen aus meinem näheren Umfeld, aus denen ich ersah, dass die ersten Leser eine persönliche Übereinstimmung der Briefschreibenden innerhalb des kleinen fabrizierten Werkes mit mir, der Autorin zu entdecken glaubten. Diese von ihnen gar nicht hinterfragte Identifizierung erstaunte mich zunächst und war für mich ein Anlass, über einige Aspekte des Textes näher nachzudenken. Jemand aus der kleinen Gruppe der Erstlesenden verlautbarte sogar seine Enttäuschung darüber, sich inmitten der (fiktiven!) Figuren nicht wiederzufinden, und reagierte verletzt, was ich wiederum bemerkenswert fand. Abgesehen davon, dass mir dies erneut etwas über die Macht der psychologischen Projektion vermittelte, versuchte ich gleichzeitig, die Rückmeldung mit Einfühlung in jene persönliche Perspektive zu sehen, aus der das Echo kam. Auch das Lesen einer Reaktion eines Lesers ist ein Prozess: Die erhaltenen schriftlichen Informationen in Ruhe aufnehmen mit dem Ziel, sie im Herzen zu verstehen und wirken zu lassen.
Der eigentlich reflektierende Prozess, die nähere (‚analytisch-synthetische‘) Auseinander- bzw. Zusammensetzung mit meinem recht überraschend geschriebenen Text kam aber erst voll in Gang, als ich die Phase der Problembewältigung in der Umsetzung gestalterischer und technischer Fragen des Layouts hinter mir hatte und den Probeausdruck im Heftformat A5 in Händen hielt. Trotz einiger Schwierigkeiten kooperierten Programm und Drucker schlussendlich mit meinem Vorhaben. Glücklicherweise, denn dafür hatte ich per Schnellverfahren die Basisfertigkeiten im Umgang mit einem Bildbearbeitungsprogramm sowie mit einer PDF-Software erlernen müssen. Nach einigem Try & Error war es gelungen, die Seiten neu zu nummerieren, sodass der beidseitige Druck tatsächlich ein in der Mitte des flachen Stapels faltbares Heft ergab, in dem ich von Seite zu Seite weiterblättern und den Text kritisch durchsehen konnte.
Mein Bleistift korrigierte auf dem Papier, und sprachliche Änderungen sowie inhaltliche Ergänzungen überbordeten bald nach allen Seiten … An einem gewissen Punkt der Textüberarbeitung nahm ich wahr, wie der Arbeitsfluss nahezu unüberwindlich ins Stocken geriet: Ich befand mich mehr oder weniger im Nebel, mein roter Faden schien verloren. Es kam mir so vor, als ob sich etwas in Konturlosigkeit verheddert hatte. Paradox irgendwie: im Diffusen festgehakt. Vermutlich, das war mein erster Eindruck, hatte es damit zu tun, dass die Eigenschaften der Freundin, an welche der Brief gerichtet ist, in meiner Vorstellungswelt bislang relativ nebulös geblieben waren, genauso wie die Beziehung zwischen der Briefschreibenden und ihrer Adressatin. Dieser Brief (so viel war sicher): Eine literarische Form, in die ich mehr reingestolpert war, als dass ich sie durch bewusste Wahl ‚beschritten‘ hätte; ein Format, welches sich mir in meiner Autorenrolle anbot, ohne dass ich (als ‚Karin‘) vollständig in die Rolle der den Brief Schreibenden geschlüpft wäre, und auch ohne dass diese Freundin eine komplette Entsprechung in meinem Freundeskreis gehabt hätte. Beide Personen waren ausgedacht, wenngleich nicht jeweils ohne engeren Bezug zu meiner Innenwelt, und mir fehlte zunächst noch eine präzisere Vorstellung. Das heißt: Anfänglich stellte ich nur fest, dass ich nicht weiterkam. Erst beim näheren Nachdenken darüber, woran es liegen könnte, dass ich mich bei meiner Arbeit plötzlich wie blockiert fühlte, kam die Einsicht, dass ich mir das ‚Szenario‘ im Vorfeld gar nicht bewusst gemacht hatte!
Ein Bogen Papier reichte nicht aus … Die Blockade war überwunden, und ich kritzelte Zusammenhänge und Beziehungen frei Hand – so wie es mir gerade einfiel. Auf einmal hatte ich auch vor Augen, wie meine persönlichen Lebensthemen sowohl mit dem Text als solchem (und zwar gespiegelt durch die Gesamtheit der auftretenden Personen, nicht durch eine – womöglich vorher unbewusst gebliebene – Identifikation mit jener Frau, welche den Brief schreibt!), aber auch mit seiner Entstehungsgeschichte verwoben waren. Das oben schon erwähnte Extra-Blatt nun endgültig beiseitelassend ist allgemein zu sagen, dass ich durch meine schriftlich vor mir liegenden Notizen neue Einsichten in die hinter meiner sprachlichen Gestaltungsform liegenden Mitte meines Erzählstoffs bekam. Ich konnte die zentrale und entscheidende ‚Konfigurationsänderung‘, die aus Handlungen resultiert, sich aber auf allen strukturellen Erzählebenen niederschlägt, viel klarer sehen – allerdings nicht ohne zwei Hände voll einschlägiger Begriffe im lernbereiten Erkundungsmodus vorübergehend einzusammeln. (Na ja: Ziemliches Neuland eben …) Auch die tiefere Intention meines „schriftlich fixierten sprachlichen Zeugnisses“ (diese Wortwahl stammt aus dem Wikipedia-Eintrag „Literarisches Werk“) wurde mir bewusster, womit ich die Sinngebung meine, die über den Broterwerb hinausgeht, insoweit das überhaupt zu erfassen ist, denn streng genommen steckt keine Absicht dahinter, und es klingt schrecklich hochtrabend. Es hat sich ganz einfach so ergeben … [Punkt.]
Der äußere Rahmen (in den sich der zweite, schon weiter innen liegende einbettet: der Brief an die Freundin) ist gewissermaßen mein Transformationsprozess im Laufe des Schreibens, aus dem das auf schreibtechnischem Weg von mir hergestellte Texterzeugnis hervorgegangen ist. [Anmerkung: Das sollte lieber auch nur auf einer unter Verschluss liegenden oder vielmehr schon auf dem Schredder geparkten Seite stehen, weil es sich anhört wie viel Wind um nichts. PS: Hier spricht der innere Kritiker, sagt der unbeteiligte Zeuge.]
Mein erster wachsamer Leser bin ich immer selber: soweit möglich auf neutralem Boden und mit der erforderlichen Distanz. Im Beobachterstatus vermag ich den lärmig-lästigen Zweifler/Kritiker/Richter (mit der persönlichen Identifikation – ‚ich schreibe jetzt meinen Text‘ – stets zeitgleich auftretend und untrennbar verbunden) von der stillen Ich-Präsenz zu unterscheiden. Ich möchte im Grunde nur bleiben, wo ich in Wahrheit zu Hause bin. Anders ausgedrückt: Ich schaue all das kurz an, was kommt und geht, aber meine Aufmerksamkeit bleibt ausgerichtet auf DAS, was bleibt. Das Gewahr-Sein verweilt im Herzen – egal, was … (Auch wenn er sich sehr breitmacht: Der Rest ist niemals wichtig. Schnell querlesen reicht völlig und lachen ist häufig die beste Medizin.)
Auch er kommt und geht, aber wenn der Perfektionist seinen Auftritt überzieht, entziehe ich ihm besser meine Beachtung. Erfahrungsgemäß muss ich sonst seine nicht enden wollenden Eskapaden in durchwachten Nächten später mit heftigem Kopfschmerz bezahlen. Aber ganz so eindimensional ist es halt nicht: Manchmal fühlt man zunächst nur in vagen Umrissen, wie in einem eine Ausdrucksform bereit liegt, und strebt das an, was als Möglichkeit erahnt wird – noch bevor sich deutlicher zu erkennen gibt, was daraus werden soll. Das Prozesshafte schließt Kritik (nur her damit!) und die daraus unter Umständen erwachsende Revision vollumfänglich ein. Verwerfen: Klar, stets auch eine Option (eine von mehreren). Doch das, was (aus uns heraus) geworden ist, zu vergleichen mit ‚Anderem‘, beschwört gleichsam den ultimativen Kritikerauftritt herauf: Außer Zerreißen und Aufgeben scheint in dem Fall rein gar nichts mehr infrage zu kommen. Unglücklich werden klappt aber auch folgendermaßen recht gut: Vorauseilend dem kritischsten Geist in meiner Umgebung gedanklich total vernichtende Worte in den Mund legen. Sich an erlebte Herabsetzungen wieder und wieder erinnern. Oder (wenn man unbedingt leiden will): Immer den fragen, der stets verneint; der ausruft: „So was braucht niemand!“, sobald man ihm nur eine einzige Gedichtzeile zeigt (nur eine: da kann noch nicht mal dein Reim missglückt sein ...)
Der alte Zweifler taucht manchmal überraschend auf. In mutlosen und müden Momenten ist mit ihm aber regelmäßig zu rechnen, und eine der Fragen, die er auf Lager hat, lautet: „Was soll denn das alles?“ Der Richter kommt ebenfalls gleich um die Ecke; sein Urteilsspruch ist doppelzüngig: „Du hast versagt, das kannst du nicht!“, oder: „Das hast du richtig gut gemacht!“ Scham (sich verstecken wollen) und Eitelkeit (sich zeigen wollen) sind letztlich nur die beiden Seiten der einen Münze … Und wenn er weiß, dass er gehört wird, weil der Zweifel im Vorfeld schon geschwächt hat, kommentiert der Kritiker gelegenheitsweise unisono mit dem Richter: Attacke pur.
Wenn diese Gäste kein Anlass zur Freude sind, gilt die logische Schlussfolgerung, dass eine eingehendere Beschäftigung mit ihnen nur Kraft raubt. Auch die den Brief schreibende Frau verfängt sich hier und da in der Auseinandersetzung mit ihnen, aber in an ihre Freundin gerichteten Worten findet sie einen Ausweg: „Mach’s, wie Du’s machst.“ Sie überlässt es ihr auf diese Weise, den Brief (gleich) in einen Haufen Papierstreifen zu verwandeln oder auch nicht; es wird sich zeigen, sie macht sich keine Gedanken mehr darüber – so ähnlich, wie sie aus rückwärtsgewandten Grübeleien befreit wird durch die schlichte Feststellung: „Die Dinge passieren so, wie sie passieren“.
Das Leben frei lassen und zuschauen, was geschieht: Das geht nur, wenn sich die Person nicht verzweifelt klammern muss an ihre Hoffnungen oder Befürchtungen, sondern felsenfesten Halt gefunden hat in jener großen Gegenwart, die für alles sorgt. Mein Hirte nur, sein Stock und Stab – die geben mir die Zuversicht. So ähnlich singt der Psalmist. So hat es Vjede erlebt.
Kann die Aufmerksamkeit in dieser (formlosen) Präsenz zur Ruhe kommen, weil die Anziehung aus der Mitte stärker geworden ist als alle Ablenkungen, endet die Suche nach dem Glück hinter der Tür: Wir sind in der Liebe zu Hause.
Am vergangenen Wochenende durfte ich durch eine online geteilte Reisedokumentation in Bild und Text nochmals (nach meinem diesjährigen Ausflug zum Lago Maggiore mit Larelind Bée) voller Freude in Urlaub fahren: Es ging in den georgischen Kaukasus. Als ich Fotos von der Landschaft rund um Ushguli sah, dachte ich: Ein Vjede-Land!
Diese Woche kommen erste Hefte mit der Geschichte aus der Druckerei. Ein Experiment beginnt …